Kann direkte Demokratie funktionieren?

shutterstock_129657923In den letzten Tagen dominierte ein Thema die Nachrichten: Der Brexit.

Eine hauchdünne Mehrheit von 52% der Briten hat sich dafür entschieden, die EU zu verlassen. Viele Menschen sind entsetzt und fürchten wirtschaftliche Folgen. Andere freuen sich und sehen es als Chance für eine bessere Zukunft Großbritanniens. Was es allerdings letztendlich bedeutet kann noch niemand absehen.
In einem sind sich aber viele Kommentatoren einig: „Bei einem so komplexen Thema hätte es kein Referendum geben dürfen.“ (Zeit)
Sollten Entscheidungen also einer gewählten Klasse überlassen werden und ist direkte Demokratie zum Scheitern verurteilt?

Wir denken, dass direkte Demokratie durchaus funktionieren kann und dass wir ohne sie in Zukunft gar nicht auskommen werden, wenn wir die hochkomplexen Probleme der heutigen Zeit angehen wollen. Was es dafür allerdings braucht, ist ein Entscheidungsmanagement, das der Komplexität gewachsen ist.
Einen solch hochkomplexen Sachverhalt wie die Zukunft eines Landes auf zwei vorgegebene Möglichkeiten einzudampfen und dann die Bevölkerung zu zwingen, sich für eines der beiden Lager zu entscheiden, kann nur Unzufriedenheit produzieren.

Was müsste also anders laufen?

An dieser Stelle möchten wir nur drei Punkte beleuchten, die in jeder Entscheidungsfindung eine Rolle spielen. Diese Aspekte zu beachten muss im Kleinen geübt werden, damit es auch für große Probleme funktioniert.

1. Es braucht ein Problembewusstsein

Worum geht es eigentlich? Reden wir alle über dasselbe oder vermischen sich verschiedene Themen? Wie sieht die Problematik für die unterschiedlichen Beteiligten aus?
Hier braucht es einen Austausch, wirkliches Zuhören und ein Interesse an den unterschiedlichen Positionen.

2. Es braucht die richtigen Fragen

Welche Fragen sollten geklärt werden um die Probleme zu lösen? Hier geht es nicht um simple Ja/Nein-Fragen, sondern vielmehr darum, die Kreativität der Beteiligten in eine Richtung zu lenken. Wenn der Gruppe nur zweiwertige Fragen einfallen (EU verlassen / EU Mitglied bleiben) kann man sich immer fragen: „Welche Anliegen sollen durch die beiden Möglichkeiten erfüllt werden?“ Diese Anliegen können dann in den Fragen berücksichtigt werden. Beispiele könnten sein:
„Wie können wir die Wirtschaft unseres Landes effektiv stärken?“
„Wie können wir als Nationalstaat in einem größeren Gefüge unsere Interessen vertreten?“
„Wie wollen wir mit Zuzug von außen umgehen?“
“….”

3. Es braucht kreative Antwortenshutterstock_261293111

Wenn man erst einmal die Fragen gefunden hat, um die es geht, braucht es natürlich Vorschläge, die auf diese Fragen antworten. Und zwar möglichst konkrete. Der Vorschlag die EU zu verlassen ist zum Beispiel im Vorfeld so wenig durchdacht worden, dass die Brexit-Befürworter am nächsten Tag erst einmal selbst nicht wussten, wie es jetzt weitergehen soll.
Ein wichtiger Punkt ist hier also: Statt Verneinungen zu benutzen („Nicht mehr Teil der EU sein“) muss deutlich werden, was dann geschehen soll. Also zum Beispiel:
„Wir schließen mit jedem der EU Staaten bilaterale Verträge über unsere Handelsbeziehungen.“
„Wir verweisen innerhalb eines Jahres jeden des Landes, der nicht die britische Staatsbürgerschaft besitzt.“
Erst wenn die Folgen einigermaßen abschätzbar sind, können die Betroffenen wirklich eine informierte Entscheidung treffen.

4. Es braucht ein Entscheidungssystem, das die Vielfalt verträgt

Diese ersten vorbereitenden Schritte bringen natürlich überhaupt nichts, wenn man für die Entscheidung ein System benutzt, dass auf Mehrheiten baut. Wenn ich eine Zustimmungsmehrheit brauche, um eine Entscheidung zu treffen, stören vielfältige Optionen nur. Deswegen ist jedes System, dass mit Zustimmung funktioniert, letztlich nicht der komplexen Realität einer großen Gruppe gewachsen. Egal, ob das Ziel dann die Mehrheit oder der Konsens ist.
Es braucht etwas wie das Systemische Konsensieren, das mit beliebig vielen Antworten umgehen kann. Drumherum benötigt es natürlich noch einiges an Infrastruktur, Vorarbeit, Aufklärung, Bildung.
Selbst das beste Entscheidungssystem ist kein magischer Garant für bessere Lösungen. Aber es ist eine notwendige Voraussetzung, um endlich etwas anders zu machen.

Wie das ganze aussehen kann, im Kleinen oder im Großen, davon versuchen wir in unseren Seminaren und jetzt auch Webinaren einen Vorgeschmack zu geben. Wir freuen uns auf dich und deine Fragen 🙂

Markus Castro


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