6 Gründe, die gegen ein Veto sprechen

dreamstime_s_54087083Wir werden häufig gefragt, warum es beim Systemischen Konsensieren kein Veto gibt. Hier kommt dazu ein Erklärungsversuch.

Landläufig kann man formale Entscheidungssysteme grob in zwei Richtungen einteilen: mehrheitsorientiert und konsensorientiert. Die Besonderheit, die viele am Konsensprinzip schätzen, ist der Minderheitenschutz durch das Veto: Solange auch nur eine Person gravierende Bedenken in Form eines Vetos hat, kann ein Vorschlag nicht umgesetzt werden. Theoretisch wird dadurch jede_r mitgenommen, Einwände werden eingearbeitet und es wird solange gefeilt, bis sich alle einig sind.

Die Praxis sieht häufig anders aus und wir haben hier ein paar exemplarische Sachverhalte gesammelt, die für uns den Sinn des Vetos zumindest in Frage stellen.

  • Die Vetos erhalten überdurchschnittlich viel Macht, plötzlich dominiert eine kleine Fraktion die Mehrheit. Wer zuletzt zustimmt hat die Möglichkeit, die anderen unter Druck zu setzen. Das kann man zum Beispiel in der EU beobachten, wo regelmäßig einzelne Länder ihre Vetomacht nutzen, um Forderungen durchzudrücken.
  • Der Status Quo ist zwar für viele inakzeptabel, Veränderung wird aber blockiert.
  • Wenn sie sich nicht einig werden können, machen Gruppen Abstriche, zum Beispiel in Form von „Konsens minus eins“ (Ein Veto reicht nicht zum blockieren) oder indem nur „schwerwiegende Einwände“ überhaupt zugelassen werden. Faktische Unzufriedenheit mit der Entscheidung wird so per Definition ausgeblendet.
  • In informelleren Gruppen wird so lange diskutiert, bis denjenigen, die mit der Entscheidung Probleme haben, die Puste ausgeht.
  • Um wichtige Themen durchzusetzen, werden sie deswegen ans Ende einer längeren Besprechung gesetzt, denn dann hat niemand mehr Lust, noch weiter zu diskutieren
  • Manchmal entsteht ein Pseudo-Konsens, weil niemand als Blockierer gelten möchte. Menschen mit Einwänden werden damit weder gehört, noch geschützt.

Und dann ist da noch die Sache mit der Vorschlagsformulierung. Da gab es  zum Beispiel eine kleine Gemeinschaft, die aus einem Sommerfest noch Geld übrig hatte und überlegte, was sie damit machen. Einige wollten gerne ein Sonnensegel kaufen, aber eine Person hatte etwas dagegen und nutzte ihr Veto. Als wir vorschlugen, den Vorschlag mal andersrum zu formulieren („Wir lassen das Geld auf der Bank“), hatten plötzlich drei Leute ein Veto.
Je nachdem, wie ein Vorschlag formuliert ist und wie dadurch die Passivlösung aussieht, bewirkt ein Veto ganz unterschiedliches.

Viel sinnvoller als ein Veto erscheint uns deswegen, grade bei konfliktträchtigen Entscheidungen, unter allen möglichen Lösungen die herauszufinden, welche dem Konsens am nächsten kommt. Und wenn die Gruppe sich vor Augen führt, welches momentan die tragfähigste Lösung ist, wird diese nicht selten per Schnellverfahren im Konsens angenommen.

Wenn du zu einem unserer Workshops im nächsten Jahr kommst, können wir dir live demonstrieren, wie das funktioniert. Wir freuen uns auf dich!

Markus, Adela & Eva


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